Wettkampf Velothon Berlin 2011
Berlin/ Hamburg – Wettkampf Velothon Berlin 2011 - das Rennen am Brandenburger Tor bietet jedes Jahr einen garantierten Adrenalinschub. So auch dieses Jahr. Ich widmete dieses Rennen meinem kürzlich verstorbenen Kollegen Daniel Ahnen. Ich war dieses Jahr zum ersten Mal dabei und ich muss zugeben, dass ich mit dem Ablauf ganz zufrieden war. Das Ergebnis haute mich nicht vom Hocker – hier ist noch Luft nach oben. Schuld daran war einerseits das mangelndes Training zwei Wochen vor dem Rennen, bedingt durch einen heftigen Sturz und den daraus resultierenden Schäden, andererseits das große Fahrerfeld, in dem es schlicht höllisch gefährlich ist, wenn man versucht, nach vorne auszureißen. Gestartet war ich aus Block B ganz vorn und fuhr mich letztlich in Block A hinein. Da das große Fahrerfeld Block A erst recht spät erreichte, wurde es in den Häuserschluchten von Berlin eng. Es war kein Vorbeikommen – schwere Stürze wären die Folge eines Ausreißversuches gewesen. Unterwegs hatte es bereits zweimal kräftig gekracht, ich hatte panische Angst vor einem weiteren Sturz und empfand keinen Grund, mich da riskant mit ein zu bringen. Kurzum: bei solch hohen Geschwindigkeiten um die 50 Km/h in der Berliner Innenstadt, extrem schlechtem Fahrbahnbelag und scharfen Kurven war es mir unmöglich, das große Feld zu durchdringen und weiter nach vorn zu kommen.
Recht interessant war, dass Block A mit einem Affenzahn vom Start weg preschte und mich kläglich zurück ließ. Meine Laktattoleranz war schnell ausgeschöpft. Mit 47 Km/h+ schoss der Block A davon und ich musste resigniert nach 15 Minuten Aufhholjagd aufgeben. Mein Block war etwas überrascht zurück geblieben und ich hing alleine zwischen den Blocks fest und strampelte um mein Leben. Allein reißt man eben nicht viel, wenn man Explosivität zuvor nicht vernünftig trainiert hat. Ich musste also die schnelle Gruppe resigniert ziehen lassen und mich in Block B einreihen. Dummerweise war man sich dort nicht so recht einig, wer denn nun das Tempo angeben sollte…der Block verlangsamte sich zusehends auf den ersten 35Km – der Puls fiel in Trainingsbereiche – ja, man konnte sich geradezu erholen! – das war etwas ärgerlich, da es schön über Land südlich von Berlin durch die Pampa ging- man hätte hier gut Tempo machen können. Das Fahrerfeld war jedoch so eng gedrängt, dass es mir keine Möglichkeit ließ, rechts oder links vorbei zu ziehen. Ich musste eingeklemmt den Lenker festhalten und hoffen, dass ich heile aus der Sache wieder heraus kommen würde. Im zweiten Drittel entdeckten die Leute dann so langsam ihren Ehrgeiz und verschärften das Tempo etwas. Ich hatte das Pech, dass ein Bug meines Garmin Edge 800 mich zum kurzen Anhalten bewog: Geht man in den starken Wiegetritt, verliert der Geschwindigkeitssensor sein Signal. Ganz großes Kino. Nichts ist bescheuerter, als ein Rennen ohne vernünftige Analysedaten zu fahren. Also entschied ich mich zu einem schnellen Stop nach einem Kreisverkehr, das bot sich an. Fix den Reset Knopf gedrückt, gecheckt und weiter ging es. Die paar Sekunden hatten natürlich gereicht, dass Block B fast komplett an mir vorbei rauschte. Glücklicherweise trödelte man zur Zeit und ich konnte recht schnell wieder an die Spitze fahren. 5 Min. später hing ich wieder vorn im belgischen Kreisel.
Kurz danach ging es zu meinem blanken Erstaunen auf eine Autobahnauffahrt! Ich war platt. Das hatte ich nicht erwartet . Sofort witterte ich die Chance, hier kräftig Strecke machen zu können und preschte ganz nach vorn (Kraft war ja ob der Trödelei reichlich vorhanden). Sofort schloss sich mir ein Team an und wir rauschten mit irren Geschwindigkeiten Richtung Autobahn. Kaum war das Fahrerfeld dort angekommen, nahm das Schauspiel seinen Lauf. Vorn wurde harte Arbeit im Wind geleistet – eine Autobahn bot dem Wind hier leider auch freie Fahrt. Auf der Gegenspur floß der Verkehr ungehindert und hupte uns zu. Genial. Positiv an der Autobahn war, dass sich das riesen Fahrerfeld auf die Breite gut ausdehnen konnte und genügend Platz hatte. Der Sound war atemberaubend! Ich klemmte vorne zwischen hunderten fest – zentimeterdicht an den Kollegen dran. Einfach irre, das rauschen der hohen Felgen rundherum! Ein wirklich einmaliges Erlebnis. Auf den Brücken winkte man uns fleißig zu, man fand sogar noch die Zeit, kurz zurück zu winken. Ich hielt die Hände lieber am Lenker – ein Sturz unter diesen Umständen hätte 600 Fahrer im Feld das Rennen gekostet. Kaum hatten wir die Autobahn hinter uns, kam das nächste Highlight: Flughafen Berlin Tempelhof! Ich war von den Socken. Das war der Knaller. Aus dem Tower winkte man uns fröhlich zu, während auf der zweiten Startbahn der Flugverkehr regulär ablief. Hier entpuppte sich das Fahrerfeld als saublöde. Da wir uns auf einem Flughafen befanden, kam der Ostwind kräftig von der rechten Seite rein. Das komplette Fahrerfeld verlagerte sich sofort auf die Windabgewandte Seite und fuhr am linken Rand der Landebahn entlang. Dabei gab es PLATZ ohne Ende! Die Sturzgefahr stieg enorm an, da jeder dem anderen zuvor kommen wollte um im Schatten des Nachbarn zu fahren. Total idiotisch. So beulte sich das Fahrerfeld wie eine Pestbeule zu meiner linken aus und ehe ich es mir versah, stand ich alleine im Wind. Na denn Prost! Mir ging das derart gegen den Strich, diese bescheuerte Taktik zu fahren und hielt gradeaus auf den ersten Mann zu, um abzukürzen. Sicher, man stand voll im Wind aber hey – für den einen Kilometer war mir das wurst. Ich überbrückte schnell und unkompliziert das Fahrerfeld, dass sich noch mit dem Wind herum schlug und reihte mich ganz vorn wieder ein. War gar kein Problem. Meine Mitstreiter hielten das übrigens für eine gute Idee :-)
Nach dem Flughafen ging es zurück in die Innenstadt. Der Belag wurde zusehends holpriger, Schlaglöcher säumten die Strecke und sorgten für einige böse Überraschungen. Das war wirklich lästig. Man war gezwungen, den Lenker stocksteif zu halten, damit es einem den nicht aus den Händen schlug. Die Schlaglöscher konnte man nicht kommen sehen, da das Fahrerfeld sie verdeckte. Von hier an wurde es eng und gefährlich. Die Geschwindigkeit hatte man mittlerweile auf 42 km/h+ verschärft, was gut war, aber die engen Kurven in der Stadt machten das zum Alptraum. Chronisch musste man in den Kurven scharf abbremsen und danach wieder kräftig raus sprinten. Wohl dem, der zuvor Laktattoleranz ausgiebig trainiert hatte. Das war kräfteraubend.
Kurz vor dem Ziel knallte es bei über 50 Km/h nochmal ganz hässlich zu meiner Linken (sah richtig hässlich aus) und ich konzentrierte mich für die letzten Km nur noch auf das heile Ankommen zu einer halbwegs vertretbaren Zeit. Mein GPS zeigte noch 10 Km – ich bemühte meine Reserven, wie immer und schob auf Kraft nach vorn. Blöderweise hatte ich nicht damit gerechnet, dass meine präzise GPS Messung nicht der Streckenmessung enstprach…nach 6 Km tauchte plötzlich ein Schil auf: Noch 900m…?! Wtf?! – so zog es kurz durch meinen Kopf. Mein GPS täuscht sich nicht. In dem Moment war es mir egal, ich änderte die Taktik und ging in den Sprint über. Jetzt war es vollkommen egal. Das Fahrerfeld zerfledderte sich – es wurde richtig gefährlich. Jeder schoss ungeplant in der Gegend rum, man wechselte die Spur…sowas sollte man nie tun. Wie auch immer – das Ende von 3 Std. Höchstkonzentration ging glimpflich aus, mit einem 40.2 er Schnitt in 02:55 Beendete ich die 120 Km in Berlin. Nach einem Dutzend Glas Wasser ließ die Anspannung auch schnell nach und ich ärgerte mich etwas, dass ich i Training neulich kaputter war…
Die Lösung meines Km-Problemes lag natürlich auf der Hand: Ich hatte unterwegs ja Sensorprobleme gehabt. In der Zeit war die Zeit- und Geschwindigkeitsmessung ausgefallen. Das waren die besagten 4 Min und damit um die 5 Km. Total bescheuert. Hier bin ich richtig stinkig auf Garmin – so eine scheisse kann nur Garmin entwickeln. Jedes Mal, wenn die ein neues Gerät auf den Markt schmeißen, dauert es 2 Jahre, bis die Kinderkrankheiten ausgemerzt sind. Na Danke. Meine MEssung hatte 02:50:40 ergeben, präzise war allerdings 02:55:30. Die offiziellen Ergebnisse des Velothon Berlin 2011 können hier eingesehen werden. Dies hier sind meine Ergebnisse und Auswertung.
Wie auch immer – ein großartiges Rennen, der Velothon Wettkampf 2011 in Berlin – nächstes Jahr starte ich dann hoffentlich aus Block A und kämpfe um die vorderen Plätze. Mein Dank gilt Daniel Ahnen, der stets darauf achtete, dass ich heile in’s Ziel kam. Er wachte über mich und stand bei mir, anfeuernd und trat mir ein meinen faulen Hintern, ich möge doch den Berlinern zeigen, was eine schwäbische Harke ist! Ich bin mir sicher, er wird mich auch auf meinen kommenden Rennen stets begleiten. Uns verband eine große Eigenschaft: Take it to the limits, whenever, wherever!
In diesem Sinne – in tiefer Trauer lasse ich dich ziehen und hoffe, dass wir uns eines Tages wieder sehen.
Anmerkung: Es ist immer wieder erstaunlich, wie ich das schaffe – aber weder bei den Cyclassics 2010 noch beim diesjährigen Velothon in Berlin ist es mir gelungen, auch nur auf einem Foto zu landen. Und das, obwohl ich recht viel rechts außen fuhr…abartig. Die Amateure schießen daneben oder och bin einfach zu schnell :-)












